BERGER DE PICARDIE

Decklimitierung für Rüden

Schön zu lesen Deckrüdenlimitierung und Nachzuchtregelung  ...    eine Aufgabe für verantwortungsvolle Zucht!

Quelle: Irene Sommerfeld-Stur  Bemerkungen zur Hundezucht

Decklimitierung für Rüden

Decklimitierung für Rüden ist sicherlich eine der einfachsten und effizientesten Möglichkeiten zur Limitierung des Inzuchtanstiegs, der in geschlossenen kleinen Zuchtpopulationen unweigerlich zu einem mehr oder weniger starken Verlust an genetischer Vielfalt führt.

Sowohl aus populationsgenetischer Sicht als auch in Hinblick auf die praktische Durchführung gibt es aber einige Punkte, die dabei bedacht werden sollten.

Die populationsgenetischen Aspekte sind im Wesentlichen bereits im vorhergehenden Abschnitt angesprochen worden. Rüden mit nur wenigen Nachkommen bieten weniger Information über ihren tatsächlichen Zuchtwert. Damit ist aber auch der züchterische Einsatz ihrer Nachkommen sozusagen mit Fragezeichen versehen. Die Chance, dass Nachkommen einzelner Rüden überhaupt in der Zucht eingesetzt werden ist weitaus geringer so dass in vielen Fällen ein wenig genutzter Rüde keine wirklichen „genetischen Spuren“ in der Population hinterlässt. Wenn nun ein Rüde mit guten und wünschenswerten Merkmalen nur wenig eingesetzt wird kann es sein, dass auch diese erwünschten Merkmale verloren gehen, wenn keine Nachkommen zur Zucht kommen.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass auch ein viel genutzter Rüde nicht notwendigerweise zum „Popular Sire“ im gesamten populationsgenetischen Sinn wird. Dies ist nur dann der Fall, wenn seine Nachkommen auch tatsächlich in Relation zur Gesamtzahl seiner Nachzucht züchterisch genutzt werden. So kann ein Rüde durchaus eine große Anzahl Nachkommen haben, wird davon nur ein geringer Teil weiter zur Zucht verwendet, ist der Rüde kein wirklicher „Popular Sire“. Seine negative Bedeutung beschränkt sich vor allem auf den Verlust an genetischer Varianz da durch seinen gehäuften Einsatz weniger andere Rüden zum Einsatz kommen. Eine massive Verbreitung von Defektgenen ist in so einem Fall allerdings nicht zu erwarten.

Ähnliches gilt sinngemäß für die zum Teil stark verpönten Wurfwiederholungen. Auch diese sind vor allem dann negativ zu bewerten, wenn dadurch mehr Nachkommen einer bestimmten Paarung zur Weiterzucht kommen. Eine Paarung, die sich in der Form bewährt hat, dass die Nachkommen für die Verwendung als Begleit-, Familien- oder Sporthund besonders gut geeignet sind kann durchaus wiederholt werden, wenn auf der Basis des ersten Wurfes Nachfrage nach Hunden mit ähnlicher genetischer Ausstattung besteht.

Decklimitierung für Rüden bedeutet automatisch, dass mehr Rüden zum Zuchteinsatz kommen, will man nicht über eine Reduzierung der Würfe insgesamt wiederum in die Falle der zu kleinen Zuchtpopulation gelangen. Eine größere Anzahl zur Zucht verwendeter Rüden bedeutet aber auch automatisch die Notwendigkeit einer größeren Anzahl von Rüdenbesitzern, die bereit sind den Aufwand, der mit der Zuchtzulassung und der Haltung eines Deckrüden verbunden ist, auf sich zu nehmen. Im Gegensatz zu Besitzern von Hündinnen, bei denen die Motivation zum Zuchteinsatz sehr oft über die emotionale Bereicherung läuft, die mit der Freude an der Aufzucht von Welpen verbunden ist, hat der Rüdenbesitzer in diesem Sinn keinen oder zumindest weitaus weniger „Gewinn“ aus dem Deckeinsatz seines Hundes. Zudem mag die Haltung eines Rüden, der bereits gedeckt hat, insgesamt etwas problematischer sein als die eines „jungfräulichen“ Rüden.

Es muss auch ganz klar gesagt sein, dass die intensive Nutzung eines Deckrüden eines der wenigen Dinge ist, bei denen man in der Hundezucht wirklich in halbwegs relevantem Ausmaß Geld verdienen kann. Allerdings setzt eine intensive züchterische Nutzung eines Rüden voraus, dass der Rüde entsprechend beworben wird, was in erster Linie durch häufige Ausstellungspräsenz und entsprechende gute Platzierungen erreicht werden kann. Championate sind zwar prinzipiell kostenneutral, aber die Ausstellungspräsenz selber ist mit einem teils enormen Kosten- und Zeitaufwand verbunden so dass auch ein häufiger Deckeinsatz aus ökonomischer Sicht in vielen Fällen ein „Nullsummenspiel“, im ungünstigsten Fall ein Verlustgeschäft ergibt.

Bei manchen Rassen ergibt sich ein zusätzliches Problem, dann nämlich, wenn ein natürlicher unproblematischer Deckakt keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Hier ist der ungeübte, nicht deckgewohnte Rüde ein größeres Risiko in Hinblick auf den Erfolg einer Belegung als der deckerfahrene „Profi“. Gerade Besitzer von Erstlingshündinnen werden daher eher einen bewährten Rüden zum Decken verwenden – das wird auch allgemein empfohlen. Wenn aber jeder Rüde nur limitierte Einsatzmöglichkeiten hat, stehen für Erstlingshündinnen möglicherweise nicht genügend erfahrene Rüden zur Verfügung zumal bei Decklimitierung Rüdenbesitzer wohl auch eher ältere erfahrenere Hündinnen bevorzugen werden.

Der Deckeinsatz von Rüden ist somit ein heikler Punkt, der in jeder Rassepopulation genau durchdacht und in Anpassung an die Rassesituation entschieden werden sollte.

Ich persönlich halte das folgende Modell mit rassespezifischen Modifikationen für empfehlenswert.

Jeder Rüde bekommt nach Absolvierung der Zuchtzulassung eine Bewilligung für eine bestimmte Anzahl von Würfen. Diese Würfe dienen der vorläufigen Information über seinen Zuchtwert. Die Anzahl der Würfe sollte daher so gewählt werden, dass ausreichend Welpen geboren werden um Informationen über mögliche genetische Belastungen des Rüden mit populationsspezifischen Defektgenen aber auch über die Vererbung erwünschter Merkmale zu gewährleisten. Wie viele Würfe das sind muss unter Beachtung der spezifischen genetischen Situation einer bestimmten Rasse ermittelt werden. Je nach der Qualität und Gesundheit seiner Nachkommen kann ein Rüde dann noch Bewilligungen für weitere Würfe bekommen. Dieses Modell hat den Vorteil, dass der Deckeinsatz von Rüden gesteuert werden kann ohne gute Vererber allzu sehr zu limitieren.

Im Zusammenhang mit der Möglichkeit einer späteren Nutzung von guten Vererbern sollte auch die Möglichkeit der Tiefgefrierkonservierung von Sperma berücksichtigt werden.

In jedem Fall ist der sinnvoll limitierte Deckeinsatz von Rüden die einfachste und auch in ökonomischer Hinsicht effizienteste Möglichkeit zur Erhaltung genetischer Varianz in einer Zuchtpopulation.